DRK-Suchdienst München

Verschollene des 2. Weltkrieges

Ein großer Teil der unmittelbar vom Krieg betroffenen Jahrgänge 1920 bis 1938 sind heute noch am Leben.

Kriegsgeneration

Es leben auch noch viele ältere Jahrgänge, aber deren Anteil ist nach allgemeiner Lebenserwartung rückläufig. Natürlich werden ausnahmslos alle Altersgruppen vom Suchdienst gleichermaßen betreut. Gerade bei den älteren Menschen findet man eine verstärkte Hinwendung zu ihrer eigenen Vergangenheit, mit vielen offenen und quälenden Fragen. Der Jahrgang 1938 wurde als Eckwert ausgewählt, weil er bei einigen männlichen Lagerinsassen in Inhaftiertenlisten des Lagers Workuta vorgefunden wurde. Wenn man die sogenannten „Wolfskinder“, die aus dem besetzten Ostpreußen zum Überleben nach Litauen flohen und die Findelkinder der letzten Kriegsjahre berücksichtigt, verschiebt sich dieser Wert deutlich Richtung Kriegsende 1945.

Die betroffenen Menschen haben ein Recht auf Klärung des Schicksals ihrer Angehörigen. Als Nachfolgerin der Reichsregierung ist die Bundesregierung verpflichtet, die Folgen des Krieges zu tragen. Der Staat muss alle Anstrengungen unternehmen, auch seine betroffenen Bürger von der Ungewissheit über den Verbleib ihrer Angehörigen zu erlösen. Der größte „Friedhof“ der Menschheitsgeschichte erstreckt sich von Berlin bis Wladiwostok. Viele Hinterbliebene kennen nicht einmal den Kontinent, auf dem ihr Angehöriger - Ehemann, Bruder oder Vater - bestattet wurde. Es bleibt auch eine moralische Verpflichtung, allen Opfern des vergangenen Regimes, zumindest zu einer abschließenden Schicksalsgewissheit zu verhelfen.

Dies wurde seit Kriegsende versucht. Der Suchdienst hat alle Anstrengungen unternommen, eine Vielzahl der Verschollenenfälle zu klären. Mit Hilfe einer umfangreichen Heimkehrerbefragung aller nach Westdeutschland Entlassenen aus sowjetischem Gewahrsam, Suchmeldungen über die Medien – insbesondere dem Rundfunk, enger Zusammenarbeit mit dem Sowjetischen Roten Kreuz und einem Abgleich aller Meldekarteien konnte ein erheblicher Anteil der Vermisstenschicksale geklärt werden.

Nachdem diese Mittel ausgeschöpft waren, hat der Suchdienst für die Angehörigen sogenannte Gutachten erstellt. Es konnten leider nur Mutmaßungen über die letzten Lebensstationen der Verschwundenen erarbeitet werden, weil ein direkter Zugang zu den Informationsquellen seitens der Sowjetunion verweigert wurde.

Erst die Politik Gorbatschows erlaubte die Erschließung der russischen Archivquellen und ermöglichte seit den 90er Jahren die Klärung von weiteren ca. 200.000 Verschollenenfällen. In ost- und südosteuropäischen Archiven lagern noch weitere Informationen über ehemals gefangene und verstorbene Deutsche, die bisher noch nicht erschlossen wurden.

Der Suchdienst bemüht sich intensiv um Zugang zu diesen Quellen in Russland (einschließlich Kaliningrad), Ukraine, Belarus, Tschechien, Serbien, Montenegro, Slowenien und anderen Staaten Ost- und Südosteuropas. In diesem Jahr wurden in einem Krankenhausarchiv in Ljubljana Unterlagen über deutsche Patienten aus der Endphase des 2. Weltkrieges gefunden, die ausnahmslos zur Klärung noch offener Verschollenenschicksale führten. Das bisher aus östlichen Beständen erhaltene Material ermöglicht es dem Suchdienst jährlich zwischen 10.000 und 15.000 wartende Angehörige über die letzte Lebensstation ihrer Verschollenen zu informieren.

Ein im Jahr 2004 begonnenes Großprojekt zwischen dem staatlichen Militärarchiv Russlands und dem DRK-Suchdienst beinhaltet die Verscannung von 2 Millionen Gefangenenakten und die Erstellung einer Datenbank mit deren Personal- und Schicksalsangaben. Das Projekt ist ein Teilprojekt der von Präsidenten Jelzin und Bundeskanzler Kohl 1993 initiierten "Deutsch-russischen Historikerkommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen", das unter humanitären und historischen Aspekten zu sehen ist. Es dient der Aufarbeitung der deutsch-russischen Zeitgeschichte. Im Verlauf der nächsten Jahre werden durch diese Maßnahme einige hunderttausend Schicksale der Anonymität und dem Vergessen entrissen.

Nachfolgegeneration

Die Nachfolgegeneration der unmittelbar vom Krieg betroffenen Familien tritt in zunehmenden Maße in Erscheinung. Die Kinder der Kriegsgeneration, oft ohne Vater aufgewachsen, interessieren sich verstärkt für die Schicksalswege ihrer Vorfahren und ihrer Herkunft. Im Nachlass ihrer verstorbenen Eltern finden sie Unterlagen über deren vergebliche Suche nach ihren Vermissten. Viele greifen die Thematik von neuem auf und erkundigen sich nach dem aktuellen Stand der Nachforschungen. Nach Erhalt einer schicksalsklärenden Benachrichtigung, wollen sie ergänzende Informationen über die letzten Lebensstationen und den Sterbeort erhalten. In zahlreichen Fällen wird auch der Wunsch nach einer Kopie des Suchdienst-Gutachtens gestellt. Die Expertise über das vermeintliche Schicksal ihres Verschollenen ist bereits vor Jahrzehnten Familienangehörigen zugestellt, aber zwischenzeitlich verloren gegangen. Der DRK-Suchdienst kann diese verständlichen Wünsche aus seinen umfangreichen Datenbanken und Archivbeständen erfüllen.

Vermisstenregistrierung

Nach Gründung der Bundesrepublik wollte sich die Regierung einen Überblick über die Vermissten verschaffen und fünf Jahre nach Kriegsende Bilanz ziehen. Im März 1950 rief der Bundespräsident Theodor Heuß alle Bürger Westdeutschlands dazu auf, ihre Vermissten registrieren zu lassen.

Die Bundesbürger strömten zu den Rathäusern und Amtsstuben, um alle bekannten Personalangaben über die noch Abwesenden auf Karteikarten registrieren zu lassen. Insgesamt wurden dabei in Westdeutschland rund 2,5 Millionen Soldaten, Zivilisten und Kinder gemeldet, über deren Verbleib immer noch nichts näheres bekannt geworden war. Die gesammelten Suchfälle wurden als Klärungsauftrag von der Bundesregierung dem DRK-Suchdienst übertragen. Der Auftrag wurde bis heute etwa zur Hälfte erfüllt. Von den gemeldeten Suchfällen wurden bis zum Jahr 2005 rund 1,2 Millionen geklärt. Es verbleiben 1,3 Millionen Schicksale, an deren Aufklärung weiterhin gearbeitet werden muss.

Die Erfassung beschränkte sich auf den Westen Deutschlands. Damit blieben die Suchenden in der DDR und in den Ländern Osteuropas unberücksichtigt. Dieser Aspekt erklärt den anhaltenden Eingang von völlig neuen Anfragen. 61 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges ist die tatsächliche Gesamtzahl der Verschollenenfälle immer noch nicht bekannt. Eine restlose Klärung aller Schicksale wird nicht möglich sein, weil viele Menschen in den Wirren des Krieges verschwanden, ohne dass hierüber schriftliche Aufzeichnungen angefertigt werden konnten. Nach den verschiedenen Zusammenbrüchen der Ostfronten gerieten Hunderttausende in Gefangenschaft, deren Registrierungen erstmals von den Verwaltungen der Transportzüge und der Bestimmungslager durchgeführt wurden. Menschen die auf dem langen Marsch dorthin verstarben, werden für immer zu den Verschollenen zählen.